Reiseberichte Steinkreis der Weisen



Steinkreis der Weisen

Gewaltig zerrt der Wind an den Kleidern. Mit all seiner Kraft, die er über dem Atlantik gesammelt hat, fährt er aus den Trockenschluchten die Bergflanken hoch auf das Hochplateau von Teno Alto an der Nordwestspitze von Teneriffa.

Teno Alto ist nicht mehr als ein kleinwürfeliges Dorf, mit einer Bar und Ziegen mit riesigen Eutern, die an zerzausten Grasbüscheln zupfen. Wenige hundert Meter weiter auf der seit jüngstem asphaltierten Straße hinab nach Teno Bajo steht das dreiarmige Wegkreuz von Puerto Malo. Der linke Trampelpfad Richtung Nordwesten führt zunächst parallel zum Hang und schlängelt sich dann zwischen ausgewaschenen, weißen Kalkbändern und hüfthohem Farn auf die Felsnase des Roque El Toscón zu.

Erst wenn er bis auf wenige Meter herangekommen ist, entdeckt der Wanderer in einer Mulde unterhalb des Roque den Tagoror. In diesem Steinkreis sollen die Verwandten des Stammesfürsten und die Hochadeligen der Guanchen, der Ureinwohner Teneriffas, getagt haben. Sie berieten ihren Fürsten und richteten über Streitigkeiten im Stamm.

Heute wächst in dem Kreis Gras, und der Sitz des Häuptlings in der Mitte ist nicht mehr als ein unförmiger Felsbrocken. Doch der Blick auf den Teide und bis zur Nachbarinsel La Gomera lohnt.

Text und Photo: Wenke Heß
Süddeutsche Zeitung