| Las Cañadas
Vilaflor heißt das Ziel und dafür muß der Nationalpark der
Cañadas del Teide durchkreuzt werden auf dem Weg nach Süden, will man
nicht eine halbe Weltreise über Santa Cruz auf der Ostroute oder um die
Westspitze antreten.
Von Puerto de la Cruz aus nehmen Sie die Straße mit der Bezeichnung
C-821 bis La Orotava. Dieser Ort mit seinem labyrinthischen Zentrum ist
architektonisch eine Sehenswürdigkeit und wir werden ihm später einen
eigenen Ausflugsbericht widmen. Schon Alexander von Humboldt verkündete
beim Anblick des herrlichen Tals, dies sei der schönste Ort des
Planeten.
Das Schild an der Straße macht deutlich, daß es immer noch 28
Kilometer bis zu den Cañadas del Teide sind - also weiter, denn selbst
dort werden wir heute noch längst nicht am Ziel sein. Nach der
Ortsausfahrt von La Orotava scheint es, als bewegten sich die Zeiger der
Uhr plötzlich langsamer. Das vermeintliche Zeitlupentempo resultiert
daraus, daß der Tourismus ab jetzt auf seine Anwesenheit verzichtet und
ein Teneriffa zum Vorschein kommt, das eher den Eindruck vermittelt, den
der Herr Humboldt damals mitgenommen haben mag.
Stille kriecht ins Auto. Das Gespräch wird spärlicher. Weniger
Ablenkung veranlaßt den Betrachter, sich mehr auf sich selbst und die
eigenen Eindrücke zu konzentrieren.
Die Arme des Fahrers, von keiner Servolenkung entlastet, sind durch
die Ausflüge der vergangenen Wochen gestählt. Das braucht es jetzt
auch: Die Serpentinen winden sich den Berg hinauf. Rechter Hand ein
Restaurant mit drei Pinien davor. "Los Tres Pinos" heißt es -
na, wie denn sonst? Der wolkenverhangene Himmel und die herbstlich
aussehenden Bäume am Wegesrand scheinen dem Kalender Hohn zu sprechen.
Ein Schild begrenzt die Höchstgeschwindigkeit auf 60 km/h - soll das
ein Witz sein oder die Aufforderung zu kollektivem Selbstmord? Wir
fahren zügig und trotzdem klettert die Tachonadel nicht über 35 km/h.
Wenige Meter weiter stellt sich das als die richtige Maßnahme heraus:
Nach einer scharfen Kurve parkt mitten auf der Straße eine vielbeinige
Ziegenherde und zwingt den Fahrer, das Bremspedal fast bis in die Ölwanne
zu treten!
Der Wagen kommt etwas unfreundlich quietschend zum Stehen. Der Hirte
grinst mit zahnlosem Mund und schafft höchstpersönlich erstaunlich
schnell Platz. Der alte Mann winkt uns freundlich lächelnd weiter. Ein
wirklich nettes Bergvolk! Ab "Las Fuentes", 1.000 Meter über
dem Meeresspiegel, wird aus dem Herbst Frühling, mit blühenden Mandelbäumen
und die Luft riecht nach Nadelwald. Auf halber Strecke zu den Cañadas
durchstoßen wir plötzlich die Wolkendecke und das Panorama verkehrt
sich ins Gegenteil: Azurblau spannt sich von Horizont zu Horizont und
die Täler sind innerhalb einer Sekunde in der quellenden Graumasse
verschwunden, die uns kurz vorher noch den Blick nach oben verstellt
hatte. Die Sicht zum Teide ist schlicht großartig! Wenn nicht ein
eigener Ausflugsbericht für den Nationalpark geplant wäre ... aber so
lassen wir uns von der gewaltigen Natur kaum beeinflussen und setzen die
Reise fort in Richtung Vilaflor.
Am Straßenrand bitten Schilder um äußerste Vorsicht mit offenem
Feuer. Waldbrandgefahr! Die Nistkästen an den Bäumen ringsum sind
Indizien für schützenswertes Leben, das Jahr für Jahr von
verantwortungslosen Menschen bedroht wird.
Kurz vor Vilaflor biegen Sie am besten erst rechts zu einem Mirador
(Aussichtspunkt) ab, um einen Überblick zu bekommen. Ehrlich gesagt
sind wir gelinde enttäuscht: Aus der Ferne und von oben wirkt der Ort
eher nichtssagend. Nur nicht vorschnell urteilen - deswegen geht es auch
gleich weiter auf dem Weg ins Ortsinnere. Linker Hand das Abfüllwerk für
das bekannte Mineralwasser der Marke "Fuente Alta" (hohe
Quelle). Nach einer Fahrt durch die engen Gassen des Ortes parkt der
Wagen vor der Kirche San Pedro aus dem 16. Jahrhundert, in der eine
Deckentäfelung im Mudéjarstil den Kunstsinnigen begeistern wird.
Vilaflor, ein Ort in 1.500 Metern Höhe, wird auch heute noch oft
"Chasna" genannt. Nach der Legende einer unglücklichen
Liebesgeschichte rief Kapitän Bracamonte, fasziniert von der Schönheit
eines Guanchenmädchens, aus: "Vi la flor de Chasna!"
("Ich sah die Blume aus Chasna" - ursprüngliche
Guanchenbezeichnung des Ortes).
Die Mittelgebirgslage macht sich deutlich bemerkbar: Hier ist es
einige Grade kälter als in Puerto de la Cruz heute morgen, obwohl die
Sonne inzwischen viel höher am Firmament steht. Dennoch sitzen
zahlreiche Eltern auf den Bänken rund um den Springbrunnen, um den
herum ihre Kinder tollen. In der Mitte des Brunnens thront die Figur des
berühmtesten Sohnes der Stadt: Bruder Pedro Bethencourt kam hier 1626
zur Welt. Man sagt ihm viele Wunder nach. Er wanderte nach Südamerika
aus und evangelisierte Guatemala. Dort starb er 1667, nachdem er einen
religiösen Orden gegründet hatte. Gerade heute gibt es auf Teneriffa
viele Menschen, die diesem Mann huldigen und ihm Opfergaben darbringen.
Einen Namen machte sich auch die in Chasna geborene Familie Sierra,
die 1729 den Ort verließ und Montevideo, die spätere Hauptstadt von
Uruguay gründete. Vilaflor ist sicher kein spektakuläres Ausflugsziel.
Doch bei so viel Spektakel auf unserem Planeten stellen sich Ruhe,
Schlichtheit und konzentriertes Erleben der Ursprünglichkeit täglich
mehr als die wichtigere Erfahrung heraus. Sollten Sie damit übereinstimmen,
fordern wir Sie dringend auf, diesen Ausflug nicht auszulassen!
Stickereien,Bienenhonig und Weißwein könnten Sie von hier
mitnehmen. In den Kunsthandwerk-Geschäften kann man lernen, was das
alte Sprichwort "Es ist nicht alles Gold, was glänzt" in der
Realität bedeutet.
Am Beginn der Landstraße nach Arona finden Sie ein
Multivisionszentrum. Für 300 Peseten zeigt man Ihnen dort eine durchaus
sehenswerte Filmreportage über die Cañadas del Teide. Neben der
Iglesia de San Pedro ein etwas kurioser Bau: Über dem Haus von Bruder
Pedro wird die Kirche der Bethlemitas errichtet. Hohlblocksteine auf
eine uralte Steinmauer? Über Geschmack läßt sich trefflich streiten!
Der Restauranttip zum Schluß: Das "El Mirador" (Camino de
San Roque) bietet den schönsten Ausblick; das "Chicho"
(C./Santa Catalina) beherbergt außer "typischer" Küche auch
Stickereien aus Vilaflor; im Patio des "Los Molinos" (C./Los
Molinos - nur am Wochenende geöffnet!) offerieren deutsche Inhaber
liebevoll zubereitete vegetarische Speisen. Die meisten Restaurants
finden Sie in der Straße Santa Catalina.
Text und Photo: InfoCanarias |