Reiseberichte Las Cañadas I


















Las Cañadas

Warme Sachen, feste Schuhe, Fernglas, gute Laune und eine Portion Neugierde stehen für den heutigen Ausflug auf der Liste der Notwendigkeiten. Autobahn von Puerto de la Cruz bis La Laguna, vorbei an Santa Ursula, La Matanza, El Sauzal, Tacoronte, Los Naranjeros und dem nördlichen Flughafen Los Rodeos. Dort sind die Cañadas ausgeschildert. Als nächster Ort wird La Esperanza anvisiert. Der Geruchssinn weist darauf hin, daß wir auf einer Allee fahren, die von Eukalyptusbäumen gesäumt ist. Der Himmel ist grau - kein Tag zum Baden und Sonnen; aber gerade richtig für einen motorisierten Ausritt.

Die Sicht in die Ferne ist begrenzt. Ein Schild weist auf das nahe Gefängnis der Insel hin. Am rechten Straßenrand versteckt sich ein Haus wie verschämt hinter einer zwei Meter hohen Hecke. Schön anzusehen in all den Farben blau, rosa und grün. Etwas später die Abzweigung, die in Richtung Carretera del Sur weist. Wir bleiben stur auf unserem Weg in den Nationalpark - 34 km noch. Hoch oben immer noch dicke Quellwolken. Die Wälder ringsum werden immer dichter und grüner. Mittlerweile regnet es ein wenig. Trotzdem bleiben die Autofenster offen - der Kontakt zur Umgebung, die frische Waldluft, sind wichtiger als die paar Tropfen Wasser. Warnschilder bitten darum, hier nicht mit offenem Feuer zu spielen und die Wege nicht zu verlassen.

Nun schon in einer Höhe von gut 1.200 Metern lassen wir den Montaña Grande (1.263 m) rechts liegen. Ein bejahrter Lastwagen kommt uns entgegen, bis weit übers Dach beladen mit Piniennadeln. Immer noch 30 Kilometer bis zum Parque Nacional del Teide. Plötzlich nur noch 20 Meter Sichtweite - eine dichte Wolkenbank raubt den Blick. Mitten im tiefsten Märchenwald fahren wir. Neblig und dunkel, wie mitten in der Nacht passieren wir Las Lagunetas in einer Höhe von 1.400 Metern. Die Bäume sehen verzaubert aus: Knorrig, tief am Boden geduckt, recken sich die Äste wie Geisterarme auf uns zu.

Etwas später rechts der Mirador de Otuño (Aussichtspunkt - heute ohne Aussicht auf Aussicht) mit dem El Diablillo ("Das Teufelchen") in einer Höhe von 1.620 Metern.

Nackte Felsen, die die Vegetation abrupt unterbrechen, schillern in den verschiedendsten Schattierungen. Wir passieren die Abzweigung nach Güimar, bleiben auf der C-824. Ab 2.000 Metern Höhe wird der Bewuchs spärlicher. Auf einer Strecke von 200 Metern plötzlich, wie ein Blitzlicht, strahlender Sonnenschein und danach sofort wieder 20 m Sichtweite. Nach dem Schild "Izaña 2.118 m" folgen wir einfach der Strasse. Nach weiteren drei Kilometern empfängt uns der Nationalpark des Teide mit denkbar miesem Wetter.

An der Kreuzung nach Orotava das Touristen-Informationscenter (gut sortierte Sammlung von Mineralien aus dem Teide-Gebiet, erklärende Schautafeln, mehrmals täglich Dia-Vortrag auch in deutscher Sprache) und vier oder fünf Restaurants für hungrige Ausflügler. Mehrere Busse vor der Tür bringen uns vom Besuch der gastlichen Stätten ab: Touristen sind immer nur die anderen.

Weiter in den Cañadas die Basis del Teide. Und: Superblauer Himmel! Hier, in 2.370 Metern Höhe, liegt die Seilbahnstation (in Betrieb 9:00 bis 16:00 Uhr), von wo aus man fast bis zum Gipfel des Teide hochgondeln kann. Der Besuch ist heute spärlich. Vielleicht liegt es am Wetter.

Der Teide ist noch jung, nur 600.000 Jahre alt. Aus seinem feurigen Krater (85 Grad Celsius) entweichen noch immer Rauchwölkchen. Der Teide und der Pico Viejo (1.105 m - Krater mit 2.500 m Umkreis) bildeten sich in einer ersten Phase gleichzeitig. Danach hatte der Teide mächtigere Ausbrüche zu verzeichnen und wuchs weiter in die Höhe (3.719 m).

Die Temperatur in den Höhenlagen liegt im Jahresdurchschnitt bei nur neun Grad Celsius. In anderen Jahren war zwischen November und März die Zufahrt zu den Cañadas nicht selten wegen Schneemassen gesperrt. Verzichten Sie bei Ihrem Besuch bitte darauf, Vulkansteine als Andenken mitzunehmen! Zwar ist nicht zu befürchten, daß der Teide bald "abgesammelt" werden könnte, doch ist bei Millionen Besuchern pro Jahr der Erosionsschaden beträchtlich.

Der Blick auf die unter uns liegende geschlossene Wolkendecke ist phantastisch. Wie ein sich träge bewegender Schafwoll-Teppich sieht das aus!

Der Endpunkt unseres heutigen Ausflugs ist erreicht: Der Parador de las Cañadas, ganz in der Nähe vom Mirador des Llano de Ucanca. Dieses Hotel, das zur staatlich geführten Parador-Kette gehört, verfügt über ein Restaurant mit großem Kamin und einer Cafeteria. Die Übernachtungskosten im Doppelzimmer ohne Frühstück: 7.500 Ptas. Vom Bergsteiger bis zum gestreßten Manager - hier hat wohl schon jede Berufsgruppe und jede Nationalität übernachtet, berichtet der Rezeptionist.

Was ist das für ein Erlebnis: Hier oben bei Nacht, in der absoluten Ruhe unter dem Sternenhimmel, der von keinem Lichtreflex beeinträchtigt wird? Die Stille werde von Stadtmenschen oft als beinahe schmerzhaft und häufig als "kaum auszuhalten" empfunden, grinst ein Parador-Angestellter. Konzentrierte Natur, Ursprünglichkeit - ohne daß wir uns ablenken lassen vom Wesentlichen, von uns selbst, von dem, was uns umgibt, direkt betrifft: Eine Herausforderung in einer Zeit, in der intellektuell durch den Rost fällt, wer nicht nach "Beschäftigung" strebt.

Text und Photo: InfoCanarias