Reiseberichte La Orotava II



La Orotava - Stadt des schönen Ausblicks
Auch die zweitschönste der alten Teneriffa-Städte, La Orotava, hat sich aufgerafft. Mit der Gründung der 'Casa Torrehermosa' in einer vor dem Verfall geretteten Villa will man dem einheimischen, durch Abwanderung in die Urlauberzentren gefährdeten Kunsthandwerk wieder auf die Beine helfen. Das Haus mit holzgeschnitzten Balkonen und Treppengeländern ist Teil eines neuen Kulturzentrums. Dazu gehört auch das gegenüberliegende, renovierte Kloster Santo Domingo, die Kirche mit einer wunderschönen, bemalten Holzdecke und jenseits des Kreuzgangs das Iberoamerikanische Museum mit einer sehenswerten, sehr reichen Sammlung, die Teneriffas Beziehungen zu Mittel- und Südamerika dokumentiert.

Ein Teil der in der 'Casa Torrehermosa' gezeigten Keramiken stammt aus dem Töpferdorf Arguayo bei Santiago del Teide. In diesem Ort kann man in einem dekorativen Museum zuschauen, wie die junge Marta nach Guanchen-Art Töpfe knetet, ganz ohne Töpferscheibe, die den Ureinwohnern unbekannt war.

Der Zahn der Zeit nagt an dem von den Ureinwohnern 'Echeide' genannten Berg Teide. Die Guanchen mieden ihn, war er für sie doch Sitz der bösen Gottheit Guayata, die in ihrer Rachsucht Feuer und Verderben auf die Menschheit schleuderte, eine Erinnerung an die Vulkanausbrüche. Der moderne Mensch hat solche Ängste verloren, eroberte auch Teneriffas seit langem friedlichen 'Zuckerhut'. Ergebnis des friedlichen Feldzugs: Auf neuen Karten hat der Teide - Spaniens höchster Berg - nur noch 3.717 Meter, vorher waren es 3.718. Die Spitze des Vulkanbergs wurde allmählich von vielen Millionen Touristensohlen abgetragen. Schätzungsweise 665.000 kleine Steinchen rieselten täglich nach unten. Jetzt ist am Ende der Seilbahn, auf 3.555 Meter, auch Ende des Aufstiegs.

Erinnerung an die Guanchen auch auf der Fahrt durch die Dörfer. Die Lucha canaria ist ein Ringkampf der Altkanarier, der in den letzten zehn Jahren zum fast olympiareifen Inselsport geraten ist. Beinahe jeder Ort hat seine Arena; Fernsehen und Zeitung berichten jede Woche über die Ausscheidungskämpfe der starken Männer, selbst aus dem früheren Einwandererland Venezuela kommen die Teams. Die neuen Regeln unterscheiden sich jedoch von den früheren. Heute tragen die Sportler Hemd und kurze Hosen, die Guanchen hingegen rieben ihre nackten Körper nur mit Fett ein - damit der Kampfpartner nicht so leicht zupacken konnte.

Text: Gottfried Aigner (SZ)