Reiseberichte La Orotava

















La Orotava

Einst, als die Ökosysteme noch in Ordnung waren, muß das Tal von Orotava "der schönste Ort des Planeten" gewesen sein. Jedenfalls war Alexander von Humboldt dieser Auffassung. Auch wenn dieser bekannte Herr immer und überall etwas euphorisch spendabel mit seinen Lobreden war und sich damit das Wohlwollen seiner Gastgeber sicherte: Denken wir uns die vielen Häuser und Straßen weg, die seitdem hinzu gekommen sind, kann man noch etwas von der damaligen, überwältigenden Schönheit erahnen.

Wenn Sie mit dem Auto aus der Richtung Puerto de la Cruz kommen sollten, halten Sie sich nicht lange mit den modernen Stadtteilen von Orotava auf, sondern fahren Sie besser gleich weiter bis in den alten Stadtkern, dessen beinahe labyrinthisches Zentrum architektonisch sehenswert ist. Viele Herrenhäuser in kanarischem Landhausstil mit tollen Fassaden und farbenfrohen Innenhöfen, die wie ein Stilleben wirken, bestimmen das Stadtbild.

Fragen Sie auf ihrem Rundgang doch mal nach diesen Gebäuden: Casa de Mesa, Casa de los Medina, Casa de Monteverde, Casa de Lercaro, Casa de los Balcones ...

Kurz nach der Eroberung der Kanaren wurde mit dem Bau des Ortskerns begonnen, der noch heute ab und zu "Doce Casas" (zwölf Häuser) genannt wird. 1648 wurde die Gemeinde von La Laguna unabhängig und begann danach ihren wirtschaftlichen und städtischen Aufstieg. Ein Spaziergang in aller Ruhe durch die engen Gassen bringt dem Betrachter einen deutlichen Eindruck von der gesellschaftlichen Position und dem Reichtum, den Orotava einst darstellte. Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die religiösen Gebäude und deren Kunstschätze zu werfen.

Sauber und gepflegt wirken die Gassen überall. Menschen sind jedoch Mangelware. Zumindest heute läßt sich kaum jemand blicken. Ob das daran liegt, daß Wochenende ist? Die Haustüren stehen meist offen - wohl keine Angst vor Langfingern unter den Einwohnern. Ab und zu lugt ein Kopf hervor und man kann das Erstaunen in den Gesichtern regelrecht lesen: "Warum schießt der denn durch die Gegend und fotografiert alles, was ihm in die Quere kommt?", scheint die unausgesprochene Frage jedesmal zu lauten.

Der Alltag stellt sich dem Besucher stets unverändert dar: Man besucht die Nachbarn, geht einkaufen, die Pensionäre sitzen ruhig und gelassen plaudernd im Straßencafé oder einfach auf der Treppenstufe, Bauern bieten ihre Produkte feil. Was sich schnell bewegt, ist immer ein Tourist - keine Zeit, man muß ja alles "mitgenommen" haben, nicht wahr?! Freundliche Menschen: Niemand erhebt Einwände, als wir Fotos von einigen privaten Innenhöfen machen wollen und selbstverständlich vorher um Erlaubnis bitten.

Zeit und Muße sollten Sie haben, wenn La Orotava das Ausflugsziel ist. Der gemächliche Fluß der Zeit in diesem Ort bringt auch uns Zivilisationshektiker wieder zur Besinnung, wenn wir uns nur darauf einlassen, wenn wir durchlässig werden für die gemütliche Ruhe, die die frühlingshafte Atmosphäre bestimmt. Diese Jahreszeit ist schon deswegen besonders attraktiv, weil jetzt die meisten Feste der größten Gemeinde Teneriffas gefeiert werden. Zwei Feierlichkeiten ragen dabei besonders heraus: La Romería de San Isidro, die den Höhepunkt der kanarischen Romerías bildet, und Fronleichnam mit den berühmten Blumen- und Sandteppichen.

Fronleichnam wird hier eine Woche nach dem deutschen Termin begangen. An den Teppichen aus Blumen und Sand wird teilweise schon Wochen vorher gearbeitet. Ein grandioses Spektakel, das jeden Besucher fasziniert: Der Teppich auf dem Rathausplatz (Plaza del Ayuntamiento) wird aus mehr als zwei Tonnen vulkanischer Erde vom Teide hergestellt und ist jedesmal ein wahres Meisterwerk, das oft fotografiert wird, bevor letztendlich die Prozession darüber hinweg schreitet.

Apropos Prozession: Ein anderes für die Bewohner des Ortes wichtiges Fest ist die Osterwoche. Die Prozession ist so farbenprächtig und feierlich, daß auch diejenigen daran teilnehmen, die mit der Kirche und dem christlichen Glauben nicht allzu viel anfangen können. Zum Ende des Sommers gibt es noch eine Feierlichkeit, die nicht unerwähnt bleiben soll. Die vielen Kunsthandwerker von La Orotava feiern "Pinoleris", ein Fest mit Tradition, bei dem Gofio (geröstetes kanarisches Mehl) eine wichtige Rolle spielt.

Wenn Sie gerne wandern, ist La Orotava etwas für Sie. Der Umgebung sollte man ruhig etwas Zeit widmen. Beinahe obligatorisch ist ein Besuch von Aguamansa und seinem Krater. Auf dem Weg dorthin an der Fischzüchterei vorbei, in der Sie frische Forellen (truchas) kaufen können. Pinoleris, Benijos, La Florida usw. sind Weiler, in denen Sie bei einem Gläschen Wein mit den Bewohnern plaudern und in Ruhe die Natur genießen können. Wer keine Angst hat, etwas zu verpassen - die häufigste Zivilisationskrankheit - setzt sich schlicht vor die Kirche und dem ehemaligen Konvent in das Kaffee auf dem gemütlichen Platz, wo die Einheimischen sitzen und den Ausblick über die alten Dächer und Kirchenkuppeln von La Orotava im Schatten der Palmen genießen.

Über das Kasino Taoro schaut man bis hinunter zum Meer, das im Sonnenlicht glänzt. Auf halbem Weg zwischen Orotava und Cuesta de la Villa liegt der vielgerühmte Humboldt-Blick. Auf dieser Straße wurde mit "Miradores" (Aussichtspunkte) wirklich nicht sparsam umgegangen. Auch das "Café Humboldt" fehlt nicht. Bei einem der Aussichtspunkte finden Sie ein Schild, das auf eine Höhle hinweist, in der der "Mencey Bencomo" lebte. Er war der Anführer der Widerstandsbewegung gegen die spanischen Eroberer im Jahre 1492.

Restauranttips könnten wir Ihnen so viele geben, daß Sie am Ende nicht mehr wissen, wo Sie eigentlich einkehren sollen. Belassen wir es, um Verwirrung zu vermeiden, bei diesen beiden: Los Corales (Cuesta de la Villa 42) ist sicher eines der besten Restaurants der Insel - ausgezeichnetes Essen und hervorragender Servive. Im Aguamansa (Carretera de las Cañadas 15) ißt man Forellen und Kaninchenfleisch.

Und noch einmal der Ratschlag zum Schluß: Am meisten gewinnt in La Orotava derjenige, der sich ziellos durch die Gassen treiben läßt und die Ruhe und Gelassenheit für sich zu nutzen weiß, die der Ort abstrahlt.

Text und Photo: InfoCanarias