| La Laguna
Sonne und Strand sind auch nicht alles. Ab und zu ein paar
Stunden Kunst und Kultur können nicht schaden. Und wenn die
humanistischen Fotos nur dazu dienen, den Nachbarn endgültig zu
beweisen, daß man selbst nicht so ein Banause ist wie verschiedene
andere Leute. Sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen, man sei
rein zum Vergnügen verreist!
In diesem Sinne eignet sich La Laguna als Ausflugsziel hervorragend.
Die Stadt steht für Schönheit, Religiösität, Intellekt und ... Kälte.
Letzteres hat ausschließlich mit dem Klima zu tun. In den Wintermonaten
regnet es oft in der ehemaligen Hauptstadt der Kanarischen Inseln. Oft hängt
dichter Nebel über den Häusern und der krasse Temperaturunterschied
zum nur zehn Kilometer entfernten Santa Cruz ist erstaunlich. Im Sommer,
beinahe wie zum Ausgleich, ist die Hitze oft unerträglich. Die
Meeresbrise, die das Leben in Santa Cruz erträglich macht, fehlt hier gänzlich.
Der Name La Laguna geht auf einen ehemaligen See zurück, der sich an
der Stelle befand, wo jetzt die Stadt liegt. La Laguna wurde von den
Guanchen "Aguere" genannt. Nachdem sich Fernando Benítez de
Lugo hier niedergelassen hatte, wurde der Ort zur Hauptstadt des
gesamten Archipels benannt und blieb es bis ins vergangene Jahrhundert.
Allein für die Besichtigung der vielen Kirchen und Kathedralen
braucht der Besucher im Prinzip einen ganzen Tag. Vom neoklassischen
Stil bis zum Barock des 18. Jahrhunderts. Die Religiösität des Ortes
ist augenfällig: Die Osterwoche mit den berühmten, feierlichen
Karfreitagsprozessionen und Fronleichnam mit den Blumen- und
Sandteppichen, die Fiestas de San Benito und die Fiesta del Cristo sind
auf der ganzen Insel bekannt.
An einem so religiösen Platz darf auch das zugehörige Wunder nicht
fehlen: Im Konvent Santa Catalina ist an jedem 15. Februar der
unversehrte Leichnam der Schwester Sor María Jesús de León Delgado zu
besichtigen, die im 17. Jahrhundert verstarb. Das Blut ihres Körpers
ist noch immer flüssig. Es wird gesagt, daß ihr Körper einen leichten
Duft nach Veilchen ausströme. Selbst wenn Sie nicht unbedingt Fans von
Tempel-Besichtigungen sind, lassen Sie die Iglesia de la Concepción
nicht aus: Die erste Mutterkirche Teneriffas (16. Jahrhundert) ist ein
wirkliches Schmuckstück. Eine sehr schön geschnitzte Holzkanzel aus
dem 18. Jahrhundert ist ebenso den Besuch allein wert wie die
Darstellung der Gruppe um die Pietá von Lázaro González (17.
Jahrhundert) oder das Taufbecken des Künstlers Salvador de Alcaraz.
Auch die Kathedrale im neoklassischen Stil wird sie interessieren.
Sie ist eine Kopie der Kathedrale in Pamplona (Calle Obispo Rey
Redondo). Sehenswert: Das Altarbild in der Kapelle "Capilla de los
Remedios" (Barock aus dem 18. Jahrh.) und der "Señor de la
Columna" (Neoklassik aus dem 18. Jahrh.).
Weitere Skulpturen und Gemälde warten auf Bewunderer. Sollten Sie
jetzt noch nicht genug haben von der Spiritualität, empfehlen wir Ihnen
die Iglesia del Santísimo Cristo mit einem gotischen Schnitzwerk
Christi aus dem 15. Jahrhundert. Wie Sie schnell merken werden in La
Laguna, und das ist wahrhaftig nicht nur auf die Kirchen bezogen, sind
Sie ohne einen guten Stadtplan in den Gassen von La Laguna beinahe
hilflos.
Wie wäre es jetzt mit einem ganz gemütlichen Spaziergang im sehr
schönen Parque de la Constitución zwischen der Avenida República
Argentina und dem Paseo de la Universidad, vorbei an einem von Efeu fast
zugewachsenen zinnenbewehrtem Schloß, das hier irgendwie fehl am Platze
erscheint. Fast unheimliche Ruhe herrscht hier und läßt Sie einen
Hauch von der Vergangenheit der Kanaren erahnen.
Die Gegenwart von La Laguna ist dagegen die Universität, die zu
einem großen Teil das öffentliche Leben der Stadt bestimmt. Sie genießt
einen mehr oder weniger guten Ruf in der Fachwelt. Böse Zungen
behaupten, dieser sei darauf begründet, daß man an diesem Institut
ohne besonders viel Mühe den erwünschten Abschluß erlangen kann. Die
Präsenz der Uni macht sich nicht so sehr bemerkbar in der Anzahl der
Bibliotheken, sondern an der großen Anzahl der Bars, die beinahe rund
um die Uhr geöffnet sind und von jungen Studenten und nicht mehr ganz
so jungen Lehrern ausgiebig frequentiert werden.
Besonders an den Wochenenden kreist hier der Hai! Freitags und
Samstags werden Sie in vielen Bars kaum noch den Fuß in die Tür
bekommen. Außer in den Sommermonaten Juli und August, wenn die meisten
Studenten La Laguna verlassen haben - dann wirkt die Stadt wie
ausgestorben und die Lokale entsprechend ebenso. Aber jetzt, im
Wonnemonat Mai, lohnt sich ein vergnügungssüchtiger Streifzug ohne
Frage.
Wenn Sie gerne Abenteuerurlaub mögen, gehen Sie an einem Freitag-
oder Samstagabend ins "Sketch" und versuchen, an der Theke zu
einem Bier zu kommen! Ansonsten bestimmt das Lebensalter die
Kneipenauswahl - ob Sie das nun als gerecht empfinden oder nicht! Im
"La Troya" oder "Tascarro" brettern Rap und New Wave
gnaden- und pausenlos in die Gehörgänge und machen unzweifelhaft klar,
daß niemand außer den Jüngsten hart genug ist, diesen musikalischen
Großangriff länger als eine halbe Stunde folgenlos zu überstehen.
Wenn Sie biologisch jenseits der 30 liegen, gehören Sie ins "Pub
el Buho" oder "Parranda". In beiden Lokalen gibt es oft
jazzige Live-Musik und beide Kneipen werden in Fachkreisen unter dem
Oberbegriff "Cementerios de Elefantes" (Elefantenfriedhöfe)
geführt. Diese Definition ist mit dem Lebensalter der Besucher
ausreichend erklärt - so meinen jedenfalls die Jüngeren.
Das Publikum ist so gemischt wie uniform: Lehrer trifft man hier
ebenso wie erfolglose Schriftsteller, Revolutionäre von gestern,
Feministinnen von heute oder Politiker von morgen. Gehen Sie trotzdem
hin, die alternative Szene - und die, die sich dafür hält - verlangt
nach Würdigung durch internationale Urlauber. Andere Bars sind eher
vergleichbar mit deutschen Studentenlokalen. Im "El Sur" oder
im "Nashville" findet sich das formalere Publikum:
Designer-Jeans und der halbe Whisky in der Hand gehören unbedingt dazu.
Sollten Sie weit nach Mitternacht immer noch fit sein, müßten wir
annehmen, Sie nicht durch ausreichend viele Kirchen gehetzt zu haben.
Dennoch - an Unterhaltung fehlt es auch nicht in La Laguna, wenn die
Polizei eigentlich auf der Sperrstunde bestehen sollte. Im
"Gorys" (Nähe Kathedrale) und in den Bars außerhalb der
Stadt ("Addis Abeba", "Nooctua", "Pachá"
u.v.a.) treffen sich diejenigen, die bis zum Morgengrauen keinerlei Lust
verspüren, das (eigene) Bett aufzusuchen.
Und für die ganz Unverwüstlichen gibt es dann immer noch die
Churrerías, wo man bei traditionellem Ölgebäck, das in heiße
Schokolade eingetaucht wird, über die Gründe des Niedergangs des
Marxismus referieren kann. Wer nun noch auf den Beinen ist, sollte sich
besser für die nächsten drei Tage auf Sonne und Strand konzentrieren,
um den Erholungswert des Urlaubs nicht komplett in Frage zu stellen.
Text und Photo: InfoCanarias |