| Carachico
Von Puerto de la Cruz geht es auf der C-820 Richtung Westen.
Gut, daß Garachico nicht so weit ist. Heute fehlt den Ausflüglern ein
wenig die Lust auf Kilometerfressen. Die Straße ist hervorragend,
beinahe zu breit ausgebaut für eine Kanarische Insel. Fortschritt von
Leitplanke zu Leitplanke frißt sich auch hier unaufhörlich in die
stumm protestierende Landschaft. Um nicht schon wieder herumzumäkeln,
konzentriert sich der Blick auf die atemberaubende Steilküste und den
herrlichen Blick übers Meer, das heute tiefblau ist und beinahe
aussieht wie ein See.
Wenn man nicht die Armbanduhr mit dem Kalender hätte, könnte man
auf den Gedanken kommen, der Sommer sei bereits ausgebrochen: 24 Grad
und strahlender Sonnenschein lassen das Wort Winter zum Witz verkommen.
Und das nun schon seit November. Nicht einmal 50jährige Einheimische können
sich daran erinnern, daß in den Monaten um den Jahreswechsel jemals so
wenig Regen gefallen wäre.
Sollte Sie das herrliche Wetter jetzt noch zur Änderung des
Tagesprogramms animieren, bitte schön: Zwischen Puerto de la Cruz und
Icod de los Vinos liegen einige feine Strände. Die Playa del Socorro
unterhalb von San Vicente (Los Realejos) eignet sich hervorragend zum
Surfen. Etwas weiter, unterhalb von La Rambla, folgt die Playa de Santo
Domingo, die allerdings nur zu Fuß zu erreichen ist. Am Strand von San
Marcos sollten Sie sich vielleicht mit Sonnenbaden zufriedengeben - hier
ist schon mehr als ein Mutiger ertrunken. Die Strömungen sind tückisch.
So, nun noch durch einen etwa 300 Meter langen, zur Seeseite hin
halboffenen Tunnel und wir sind am Ziel. Kurz nach der Ortseinfahrt geht
es schon los mit der humanistischen Bildung: Museum für Moderne Kunst.
Den Besuch überlassen wir Ihnen. Wir entsagen heute der Lockung der
Muse. Wenige Meter weiter eine Menschenmenge, die uns konsequent den Rücken
zukehrt. Wagenparken, Kamera zücken, Augen auf das Ziel geheftet . . .
So eine Pleite: Ein profanes Fußballspiel am Samstagmittag - kein
Tumult, nicht einmal eine Demonstration oder auch nur ein schlichter
Verkehrsunfall. Der ganze Ort scheint hier versammelt.
Ein paar Fahrminuten weiter parkt der Wagen im ältesten Hafen
Teneriffas. Der aus Genua stammende Seefahrer Cristobal de Ponte gründete
Garachico im Jahre 1499. Reichtum und Einfluß der Bewohner dieser Stadt
stieg damals schnell. Die Zuckerrohrplantagen und eben der Hafen sorgten
dafür. Mehr und mehr siedelten sich die reichsten Familien der Insel
hier an und machten im 16. Jahrhundert gute Geschäfte. Wer hat, der
braucht für Neider nicht zu sorgen. Die unfreundlichen Herrschaften mit
der Totenkopf-Flagge am Mast kamen schnell dahinter, daß hier was zu
"erben" war. Glücklicherweise könnte man aus heutiger Sicht
beinahe sagen, denn sonst könnten Sie jetzt nicht die interessante
Festung San Miguel besichtigen, die 1575 entstand, um den Piraten die
Suppe zu versalzen.
Nun lassen sie sich Zeit, ein wenig durch die kopfsteinbepflasterten
Straßen Garachicos zu streifen! Die alten Mauern der vor langer Zeit
erbauten Residenzen zeugen davon, daß auch damals nur überdauerte, was
gut und teuer war. Im ehemaligen Franziskanerkonvent, heute Kulturhaus,
können Sie eine Dauerausstellung besuchen, die zeigt, wie der Ort im
16. und 17. Jahrhundert ausgesehen hat.
Auch die Kapelle San Roque, das Haus der Familie Ponte, der
Franziskanerinnen-Konvent, das beeindruckende Haus der Marqueses de
Villafuerte und etliche andere Gebäude aus den glorreichen Zeiten
Garachicos sind einen Besuch sicher wert. Und sollten Sie
Schwierigkeiten haben, einige der Sehenswürdigkeiten zu finden: Das
Touristen-Informationsbüro im Rathaus hilft gerne.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war es vorbei mit dem schönen Leben
in diesem heute so anheimelnden Ort. Zwischen 1601 und 1608 räumte eine
Pestepidemie gründlich auf unter der Bevölkerung. Und als wäre das
nicht Unglück genug, verursachte eine Überschwemmung 1645 die nächste
Katastrophe: 110 Menschen ertranken in den Fluten, beinahe die Hälfte
der Fischfangflotte versank im Meer. Um das glücklose Jahrhundert
abzurunden, gingen 1692 und 1697 bei zwei Bränden 120 Häuser in
Flammen auf. Während Orotava und Santa Cruz immer mehr zum
wirtschaftlichen Zentrum der Insel wurden, versank Garachico nach und
nach in der Bedeutungslosigkeit. Wahrscheinlich verdankt der Ort seine
heutige touristische Bedeutung der Tatsache, daß ihm der industrielle
"Fortschritt" erspart blieb.
Auch im 18. Jahrhundert keine Besserung der Situation. Im Gegenteil:
Der Vulkanausbruch von Montaña Quemada begrub einen großen Teil der
Einwohner unter der glühenden Lava und zerstörte die Hafenanlagen.
Lassen wir die Geschichte beiseite und wenden uns lieber wieder
erfreulicheren Dingen zu. Zum Beispiel der Tatsache, daß man in
Garachico an verschiedenen Stellen wirklich hübsches Kunsthandwerk
kaufen kann. Kein Kitsch, kein Plunder - nur in Handarbeit hergestellte,
geschmackvolle Waren werden Sie, bis auf ganz wenige Ausnahmen, hier
finden. Und jeden ersten Sonntag des Monats gibt es einen
Kunsthandwerker-Markt rund ums Castillo San Miguel.
Restaurant-Tip zum Schluß unseres Bummels durch die Stadt: In
Garachico wird Gastronomie groß geschrieben. Kanarische Küche soll es
sein? Na, gerne: In der Straße Conde de Palmar empfehlen wir das
Restaurant Daute. Reine Fischesser sind besser aufgehoben im La Perla in
der Straße 18 de Julio. Und wer Meeresfrüchte bevorzugt, geht ins
Trasmallo an der Landstraße nach Buenavista. An derselben Straße eine
Spezialität: Gefüllte venezolanische Maismehltaschen ißt man im
Brisas del Mar. Selbst die in Garachico hergestellten Fruchtliköre ließen
wir nicht aus - raten aber, Spezialität hin, Spezialität her, eher
davon ab. Fahren Sie vorsichtig auf dem Rückweg!
Text und Photo: InfoCanarias |